Abrahamitischer Schöpfungsmythos

Einer der bekanntesten Schöpfungsmythen in unseren Breitengraden findet sich in der Bibel. Aufgrund ihres gemeinsamen Fundaments teilen sich die drei abrahamitischen Religionen Judentum, Christentum und Islam diesen Mythos, wobei er in den jeweiligen Glaubensschriften in unterschiedlichen Detailgraden Erwähnung findet und interpretiert wird. Hinzu kommt, dass die Geschichten nicht vollständig deckungsgleich sind: Christentum und Judentum berufen sich beide auf die Genesis (1. Buch Mose) im alten Testament. Im islamischen Koran hingegen, der keiner chronologischen Struktur folgt, tauchen, vom alt-testamentarischen abgewandelte Fragmente an verschiedenen Stellen auf. Ihre große Gemeinsamkeit besteht darin, dass es sich beim „Schöpfer“ um einen einzelnen Gott mit Absolutheits-Anspruch handelt. Somit steht diese Kosmogonie in einem Gegensatz zu dem häufig vorkommenden Dualismus.

Auch wenn die Beschäftigung mit den Unterschieden der drei Religionen mich reizt, habe ich mich jetzt erstmal mit den Grundzügen der christlichen Darstellung beschäftigt, um mich nicht zu verzetteln.

Die Schöpfung

Das erste Buch Mose, auch Genesis genannt und zugleich die Einleitung der Bibel, beschreibt den wesentlichen Teil des Schöpfungsmythos. Da die Bibel eine Textsammlung aus verschiedenen Quellen ist, fließen darin zwei Schriften ein, die vermutlich zu unterschiedlichen Zeiten entstanden sind.
Ein Teil des Mythos handelt von der Entstehung des Kosmos (Text des sogenannten „Jahwisten“), der andere vom Beginn des menschlichen Lebens auf der Erde (Text der sogenannten Priesterschrift). Daneben finden sich weitere Andeutungen zur Schöpfung in der Bibel, unter anderem Im Johannesevangelium, dessen Text sich auf eine Zeit vor der Weltenschöpfung beziehen könnte

Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Dasselbe war im Anfang bei Gott. Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist.

Lutherbibel: Johannes 1,1

Wenn ich, im paganen Sinn, den christlichen Gott als Metapher für das Göttliche verstehe, so ist diese Textpassage nach meinem Verständnis die biblische Version einer holistischen Weltanschauung.

Mythos der Entstehung der Welt

Die sogenannte Priesterschrift ist eine Textquelle der Bibel, die ca. 500 v.u.Z. entstanden sein soll(1). Der daraus für die Bibel verwendete Teil des Schöpfungsmythos befasst sich mit der Entstehung der Welt (1.Mos 1,1).

Gott erschafft erst Himmel und Erde. In sechs Schritten (Tagen) fügt er oder sie dann unter anderem das Meer, die Pflanzen, die Tiere und alles andere (z.B. den Menschen) hinzu. Am siebten Tag macht er dann eine Pause und freut sich über seine Schöpfung.

Im Christentum wandelt sich das Bild von Gott im Laufe der Bibelgeschichte von einem recht zornigen (auch: absolutistischen) Gesellen im alten Testament hin zu einem gütigen Vater im neuen Testament. Anders jedoch am Anfang: Hier ruht Gott in sich selbst:

Und Gott sprach: Es lasse die Erde aufgehen Gras und Kraut, das Samen bringe, und fruchtbare Bäume auf Erden, die ein jeder nach seiner Art Früchte tragen, in denen ihr Same ist. Und es geschah so. Und die Erde ließ aufgehen Gras und Kraut, das Samen bringt, ein jedes nach seiner Art, und Bäume, die da Früchte tragen, in denen ihr Same ist, ein jeder nach seiner Art. Und Gott sah, dass es gut war. Da ward aus Abend und Morgen der dritte Tag.

Lutherbibel 1984: 1. Mose 1, 11-13(2)

Der Bibeltext zur Schöpfung verläuft in Versen nach einem ziemlich einheitlichen Muster: Gott spricht, das „Beschworene“ tritt ein und in der kritischen Selbstreflexion ist er zufrieden mit seiner Arbeit. Dann folgt der nächste Tag.

Das ist schon ein wenig netter als bei manch polytheistischen Mythen , wo es häufig zum Gezanke kommt. Auf der anderen Seite ist auch gleich mal klar, wer die Richtlinien der Politik bestimmt. Insofern kann man sagen (und das im weiteren Verlaufs des alten Testaments noch deutlicher), dass der christliche Gott diverse menschliche Eigenschaften besitzt. Das ist erstmal kein Widerspruch in sich, denn Gott schafft im Mythos den Mensch ja nach seinem Ebenbild. Doch da es keinen anderen Gott neben ihm gibt, kann es praktischerweise auch keinen Streit geben. Insofern greift für mich die These zu kurz, dass der Niedergang des Polytheismus darauf zurückzuführen sei, dass die Götter allzu menschlich waren und deswegen irgendwann ihren Reiz verloren haben (3). Es mag den Monotheismus jedoch immerhin interessanter gemacht haben.

Jahwistischer Mythos

Der Begriff Jahwist bezeichnet in der Religionswissenschaft eine Sammlung von Textquellen, die Eingang in die Bibel gefunden haben und die um 950 v.u.Z. entstanden sein soll.(4) In diesem Teil des Schöpfungsmythos geht es um die Menschheit.

Gott hat nun also den Menschen geschaffen und ihn mit den Tieren in die Welt gesetzt, genauer gesagt in einen Garten: Eden. Weil aber der Mensch einsam war, hat Gott ihn eingeschläfert, ihm eine Rippe entnommen und eine Frau daraus gemacht. Beide waren nackt und ohne Scham und lebten im Paradies, dem Garten Eden. Wie es dann weitergeht, ist wohl auch bekannt: Eine Schlange überredet die Frau, Eva, einen Apfel vom Baum der Erkenntnis zu essen. Und Eva ihrerseits bringt Adam dazu. Daraufhin erkennen sie, dass sie nackt sind, schämen sich und werden von Gott, als er es mitbekommt, aus dem Paradies geworfen. (1. Mose 2-3)

Im Vergleich zu polytheistischen Schöpfungsmythen wird hier das problematische Verhalten auf den Menschen projiziert, nicht auf andere Götter. Die Frau tut etwas Verbotenes und ihr Mann auch, und beide zahlen die Zeche. Interessant ist, dass Gott irgendwie sehr menschlich handelt, indem er sie drastisch bestraft:

Da sprach Gott der HERR zu der Schlange: Weil du das getan hast, seist du verflucht, verstoßen aus allem Vieh und allen Tieren auf dem Felde. Auf deinem Bauche sollst du kriechen und Erde fressen dein Leben lang. Und ich will Feindschaft setzen zwischen dir und der Frau und zwischen deinem Nachkommen und ihrem Nachkommen; der soll dir den Kopf zertreten, und du wirst ihn in die Ferse stechen.
Und zur Frau sprach er: Ich will dir viel Mühsal schaffen, wenn du schwanger wirst; unter Mühen sollst du Kinder gebären. Und dein Verlangen soll nach deinem Mann sein, aber er soll dein Herr sein. Und zum Mann sprach er: Weil du gehorcht hast der Stimme deiner Frau und gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot und sprach: Du sollst nicht davon essen –, verflucht sei der Acker um deinetwillen! Mit Mühsal sollst du dich von ihm nähren dein Leben lang. Dornen und Disteln soll er dir tragen, und du sollst das Kraut auf dem Felde essen. Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du wieder zu Erde werdest, davon du genommen bist.

Lutherbibel 1984: 1. Mose 3, 14-19(5)

Hier entsteht in der Wut Gottes die sogenannte Erbsünde: Weil die Protagonisten sich nicht an die Regeln gehalten haben, müssen alle Folgegenerationen leiden. Daneben zeigt sich ein weiteres Paradigma, das die christliche Geschichte durchzieht: die Schlechterstellung der Frau als diejenige, die sich ihrem Mann unterzuordnen hat. Hier bestätigt sich die kulturwissenschaftliche Theorie: Die Etablierung des Patriarchats im kulturellen Alltag der Antike (6).

Fußnoten
  1. Quelle: Theologe Dr. Jörg Sieger, Karlsruhe. Website
  2. Quelle: Deutsche Bibelgesellschaft
  3. vgl. Dahn, Felix und Dahn, Theresa: Walhall. Germanische Götter und Heldensagen. 1884. Urheberrechtsfreie Ausgabe
  4. In der Wikipedia wird darauf hingewiesen, dass die neuere Bibelforschung den Jahwisten als Quelle anzweifelt.
  5. Quelle: Deutsche Bibelgesellschaft
  6. vgl. Böhme, Gernot und Böhme, Hartmut: Feuer, Wasser, Erde, Luft. Eine Kulturgeschichte der Elemente. Verlag C.H. Beck. München. 2. Aufl. 2010