Schuldgefühle, Überwachungsspielzeug, Transzendez-Drive-in, Liebe und Gesang

Telegram-Kanal Paganismus: Tagebuch. Heute: 1. Über die Instrumentalisierung von Schuldgefühlen. 2. Große Kinder spielen mit gefährlicher Überwachungstechnik. 3. drogeninduzierte Marketingstrategien. 4. Sprachkunde: das Wort „Minne“


[09.01.21 13:20]
Hallo Leute,

in der Fachpresse meiner Zunft bin ich heute über die amerikanische Forschung zum Schuldgefühl gestolpert. Dort ist der Hang zu Schuldgefühlen eine wichtige Persönlichkeitseigenschaft: Wenig überraschend ergibt es sich, dass Menschen mit einer ausgeprägten Neigung zur Schuld weniger delinquentes oder antisoziales Verhalten zeigen als Menschen mit niedriger Ausprägung (1). „Schuldanfälligkeit“ ist darüber hinaus stark mit ethischen und moralischen Prinzipien verbunden (2).

Mit Bitterkeit auf meiner Zunge wird auch darüber nachgedacht, wie man diesen Mechanismus organisationspsychologisch nutzen kann, um organisationsschädigendes Verhalten von Mitarbeitern zu verhindern (3).

Für mich stellt sich die Frage, inwieweit wir in der Heiler-Zunft die persönliche Neigung zu Schuldgefühlen als prosoziale Eigenschaft fördern wollen. Dazu zwei Aspekte:

  • Erstens handelt es sich um ein Vermeidungsziel, wenn ich etwas nur nicht tue, weil ich durch mein Handeln Schuld empfinden könnte. Vermeidungsziele schränken ein anstatt den Blick zu erweitern, was die Gefahr mit sich bringt, dass Chancen zur persönlichen und gesellschaftlichen Entwicklung vielleicht übersehen werden.
  • Zweitens gibt es aus meiner Sicht höhere Ebenen von Moral und Ethik als die abrahamitische bzw. alttestamentarische Form: Schlechtes vermeiden um Strafen zu vermeiden. Wenn wir es schaffen, unser prosoziales Handeln auf ein Verantwortungsgefühl gegenüber uns und der Welt (von der wir ein Teil sind) zu gründen, müssen wir vielleicht gar nicht mehr über Vermeidung von dysfunktionalem Verhalten sprechen.

Herzliche Grüße, Leuhton


[11.01.21 09:32]
Hallo Leute,

ein amerikanisches Unternehmen namens „Palantir“ verkauft Software an Sicherheitsbehörden in Deutschland, die der Ermittlung von Straftatbeständen dienen soll.

Im Falle von Hessendata handelt es sich um ein Palantir-Produkt namens „Gotham„, das wohl im Kern folgendes tut: Es sammelt alle möglichen Daten (öffentliche wie z.b. aus social media; und behördliche) und verknüpft sie miteinander, um „Anomalien“ festzustellen. Entscheidend ist, dass es sich hierbei um eine Software handelt, die einen großen Schritt in Richtung Pre-Crime (4)">Dokumentation der Bundeszentrale für politische Bildung)) geht: Straftaten verhindern, bevor sie geschehen.

Das tragikomische daran: Firmen-, Produktname und Nomenklatur („Palantir“, „Gotham“, Anomalien (5)) lassen die Vermutung zu, dass es sich bei den dortigen Entscheidern um einen Haufen Leute handelt, die ihre gemobbte Kindheit nicht verarbeiten konnten und jetzt Superhelden spielen wollen. 😉

Herzliche Grüße, Leuhton.


[13.01.21 10:04]
Hallo Leute,

Beim Online-SPIEGEL gibt es einen Artikel, in dem eine Frau für den Konsum von psychoaktiven Mitteln wie Ayahuasca und Pilze wirbt (6).
Der Spiegel hat vom Presserat eine Rüge erhalten, weil die Schreiberin auch die Gründerin eines Unternehmens ist, das sich mit dieser Thematik beschäftigt (7).

Auf mich wirkt der Artikel wie der Verkauf eines Wundermittels:

„Hey, nimm‘ mal an einer psychoaktiven Sitzung teil und du kannst dich selbst optimieren“.

Mit all‘ meinen Erfahrungen mit anderen Menschen bin ich der Überzeugung, dass tief verankerte Themen nicht einfach mal über Nacht verschwinden und schon gar bei missbräuchlicher Verwendung von psychogenen Substanzen (8).

Die Autorin entlarvt sich m.E. selbst, wenn sie berichtet, dass ihre erste psychedelische Erfahrung ein Problem gelöst hat, sie dann aber gleich eine zweite Sitzung woanders bucht, um dann dort eine sehr ähnliche Erfahrung zu machen. Das deutet aus meiner Sicht darauf hin, dass die Hilfe nur vermeintlich ist und genau das ist das Problem das auch hinter Suchtmitteln steckt: Sie wirken eben nur vermeintlich gut.

Darüber hinaus halte ich es für nicht nötig, sich ständig in allen Bereichen optimieren zu wollen. Selbstannahme kann auch ein guter Weg sein.

Herzliche Grüße, Leuhton


[14.01.21 19:11]
Hallo Leute,

heute gibt es Sprachgeschichte.

Das Wort „Minne“ wird meistens im Zusammenhang mit Liebesgeschichten des Mittelalters gebraucht (9).

Tatsächlich hatte das Wort durch die Jahrhunderte verschiedende Bedeutungen. Während Minne im 8. Jahrhundert für eine fürsorgliche, religiöse und freundschaftliche Liebe stand, wurde es im 12. Jahrhundert für die sinnliche Liebe zwischen zwei Menschen verwendet. Im 16. Jhd. schließlich kommt dem Begriff ein anstößiger und verruchter Charakter zu, bevor ihm im 18. Jhd. durch eine Rennaissance der mittelalterlichen Minnedichtung wieder die Bedeutung einer zwischenmenschlichen Liebe zufällt (10).

Etymologisch herrscht in der Germanistik wohl Uneinigkeit, doch im Kern gelten das althochdeutsche ‚minna‘ und auch ‚minni‘ als Begriffe für ‚Erinnern‘,’Gedenken‘, ‚mahnen‘, ‚religiöse Liebe‘, ‚Zuneigung‘ (11)(12).

‚Die Minne trinken‘ steht als Sprichwort symbolisch für den Akt, sich bei altheidnischen, germanischen Festen gegenseitig zuzuprosten und sich mit Dank und Glückwünschen die gegenseitige Zuneigung zu bekunden. Darüber hinaus umfasst „die Minne trinken“ das Loblied auf die Götter (13).
‚Die Minne trinken‘ wird dabei auch mit dem heidnischen Ritual des ‚Heitstrenging‘ in Verbindung gebracht: Hier (wörtlich: „Festbinden eines Versprechens“) handelt es sich um ein feierliches Gelöbnis (14).

Herzliche Grüße, Leuhton

Fußnoten
  1. Cohen, Taya R., A. T. Panter, und Nazli Turan. „Guilt Proneness and Moral Character“. Current Directions in Psychological Science 21, Nr. 5 (Oktober 2012): 355–59. https://doi.org/10.1177/0963721412454874.
  2. Cohen, Taya R., A. T. Panter, und Nazli Turan. „Guilt Proneness and Moral Character“. Current Directions in Psychological Science 21, Nr. 5 (Oktober 2012): 355–59. https://doi.org/10.1177/0963721412454874.
  3. zum Beispiel jüngst erschienen: Schaumberg, Rebecca, und Francis Flynn. „Refining the Guilt Proneness Construct and Theorizing about Its Role in Conformity and Deviance in Organizations“. Research in Organizational Behavior, Januar 2021, 100123. https://doi.org/10.1016/j.riob.2020.100123
  4. siehe hierzu eine
  5. = Stein der Fernsicht aus dem Herrn der Ringe; Stadt, in der Batman verbrechen bekämpft; typischer Begriff der Science Fiction
  6. https://www.spiegel.de/stil/s-magazin/microdosing-statt-kaffee-lieber-eine-kleine-dosis-lsd-a-00000000-0002-0001-0000-000170854053
  7. https://uebermedien.de/56546/hochmut-kommt-vor-der-ruege-spiegel-blamiert-sich-beim-presserat/
  8. in diesem Fall: die Vermarktung vermeintlich schnell eintretender Selbsterkenntnis
  9. Duden: https://www.duden.de/rechtschreibung/Minne
  10. Wolfgang Pfeifer et al., Etymologisches Wörterbuch des Deutschen (1993), digitalisierte und von Wolfgang Pfeifer überarbeitete Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, https://www.dwds.de/wb/etymwb/Minne
  11. Wolfgang Pfeifer et al., Etymologisches Wörterbuch des Deutschen (1993), digitalisierte und von Wolfgang Pfeifer überarbeitete Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, https://www.dwds.de/wb/etymwb/Minne
  12. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie für die gebildeten Stände. Leipzig: Brockhaus, 1867. https://opacplus.bsb-muenchen.de/title/BV006382459
  13. Karl Friedrich Wilhelm Wander (Hrsg.): Deutsches Sprichwörter-Lexikon, Band 3. Leipzig 1873
  14. Cordes, Albrecht, Adalbert Erler, Ekkehard Kaufmann, und Wolfgang Stammler, Hrsg. Handwörterbuch zur deutschen Rechtsgeschichte (HRG). 2.Aufl. Berlin. 2008

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