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Die Esoterik der Selbstgerechtigkeit

    In einer paganen OBOD-Facebook-Gruppe hat ein Mann ein Video geteilt. Darin werden nacheinander irgendwelche Bilder gezeigt, die man mit dem Begriff „Transzendenz“ assoziieren kann: Bilder vom Weltall, Menschen in Meditationshaltung, Lichtstrahle-Effekte und so weiter. Vor einer musikalischen Untermalung, die auch eine Siegesschlacht der Helden in einem Fantasyfilm rahmen könnte spricht eine sanfte Frauenstimme. Fünf Minuten lang wendet sie sich an die Zuhörer. Die Message: Ihr seid was besonderes, dass ihr Euch nicht von den Lügen der Politik unterkriegen lasst. Ihr seid Märtyrer, weil ihr Eure Beziehungen zu anderen Menschen verloren habt. Ihr habt es bald geschafft, bald wird die Welt gewandelt.
    Folgenden Kommentar habe ich dazu verfasst.

    Hallo Zusammen, ihr wisst es wahrscheinlich: ich mische mich selten in Corona/Esoterik/Weltverschwörungs-Debatten ein, weil ich mir lieber Mühe gebe, zu verstehen, welche Ängste und Bedürfnisse hinter den Haltungen von Menschen stecken, und zwar egal welche Haltung sie haben.
    Hier aber möchte ich mich positionieren, weil dieses Video nichts mit dem Thema dieser Gruppe zu tun hat und ich das Teilen des Videos für gefährlich halte.
    
    Dieses Video ist aus meiner Sicht vollkommener Unsinn: Es wird ein Mythos von Märtyrerpersönlichkeiten gezeichnet, der verunsicherte, verängstigte, Sinn-suchende ... Menschen zu Helden stilisiert. Wer auch immer das produziert hat, der hat das (zumindest suggerierte) Ziel verfehlt, eben diese Menschen zu stärken.
    
    Begründung: Wenn ich mich als Individuum mit Esoterik oder Gott oder Spiritualität beschäftige, dann ist das vor allem eine ich-zentrierte Handlung. Zu behaupten, man würde das tun, um die Menschheit von irgendwelchen Fesseln zu erlösen ist unlogisch, weil die Sinnsuche einen internalen und keinen externalen Ausgangspunkt hat: Man fängt wegen sich selbst damit an und nicht wegen anderen. Wenn man das dennoch glaubt, nennen wir das im Fachsprech 'kognitive Verzerrung'.
    
    Ja, es gibt Menschen, die Zeit ihres Lebens keinen Wohlfühlplatz in der Gesellschaft finden und sich so lange durch das Gefühl, anders zu sein, unwohl fühlen, bis sie als Selbstschutzmechanismus ihr Gefühl der Andersartigkeit zu einer Superheldenkraft transformieren können. Sie können sich dann trotz dass sie sich als "andersartig" betrachten, in ihrem Leben wohlfühlen.Das darf auch sein.
    
    Es wird allerdings gefährlich wenn daraus eine Abwertung der Umwelt konstruiert wird: "Menschen, die noch nicht voll inkarniert sind", "Mitläufer", "Nicht-Sehende", "Corona-Schafe" usw.Denn erstens hat man nicht das Recht, anderen Menschen zu unterstellen, dass sie sich ihr subjektives Wohlbefinden und ihre Zufriedenheit im Leben nur einreden.Und zweitens steigert ein solches Paradigma unweigerlich die persönliche Feindseligkeitserwartung, was wiederum das Gefühl nährt, nicht zur Gesellschaft zu gehören und auch nicht zu ihr gehören zu wollen. Ein solches Bild führt also letztlich zu negativen Emotionen und die sind nur selten pro-sozial.
    
    Wenn man dem Telegram-Link am Ende des Videos folgt kommt man auf einen Kanal, in dem von Q-Anon über Rassismus bis hin zur New-World-Order alles mögliche referenziert wird. Nichts davon enthält Implikationen des Wohlwollens.
    
    Sich dann noch "iamthelovingone" zu nennen setzt dem Ganzen schließlich die Krone auf. Bitte verzeiht mir meine deutlichen Worte, aber wer sich dieses Video auf einer Sachebene anschaut und nicht auf einer Angst- oder Bedürfnisebene, der erkennt schnell, dass das Gesagte absolut nichts mit Liebe zu tun hat. Weder mit Selbstliebe noch mit der Liebe für die Welt da draußen.
    
    Hugh, ich habe gesprochen.
    
    Herzliche Grüße

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